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Rede zur Kunstaktion am 2. März 2019 Abschied von den Bäumen auf dem Brunowall

XKunstaktion

Brunowall Soest, 2. März 2019

 

„Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“

 

Zum Abschied von 22 von 398 Linden

+ gefällt am 26. Februar 2019 +

 

 

Rede von Susanne Lüftner-Haude

 

Mehr Mut zum Sägen

 

Diese zweite Kunstaktion gegen die Fällung von Linden und die geplante neue Wegeführung auf den Soester Stadtwällen konnte von uns nicht lange vorbereitet werden:

 

Wenn auch nicht überraschend, so doch bis zuletzt von uns sachlich kritisiert und mit Nachdruck zu verhindern versucht, wurden am vergangenen Dienstag, die ersten Bäume, 22 Linden und viele Gehölze auf dem Brunowall  und in der zugehörigen Gräfte „entnommen und entsorgt“, wie es im Behördendeutsch heißt.

 

Ich erlebte manchen Passanten, der die tonnenschweren Baufahrzeuge oben auf dem empfindlichen, wurzeldurchzogenen Fußweg auf der Wallkrone, der in früheren Zeiten zur Durchlüftung und Auflockerung von Stadtgärtnern regelmäßig geharkt wurde, operieren sah, geschockt! wie angewurzelt dastehen. Einige Menschen weinten, andere beschlossen nicht hinzusehen und für diesen Tag die Stadt zu verlassen.

 

Dies ist das Ende unseres ehrwürdigen Soester Stadtwalls, wie wir ihn kannten, der älter ist als der Kölner Dom. Nach dem Bau des gigantischen Modehauses Kress mitten in unserer Altstadt und der Umgestaltung des Theodor-Heuss-Parks, der einstigen Ruheoase im Herzen unserer Stadt, in eine belebte Eventzone, ist dies eine weitere Zäsur in unserer jüngsten Stadtgeschichte.

 

All dies geschieht in Soest trotz jahrelanger Bürgerproteste unter Anrufung von Gerichten und einem Petitionsgesuch an die Landesregierung noch im letzten Jahr. In einem Leserbrief, der vor Jahren zum Thema Stadtentwicklung und Bauen in der Soester Altstadt geschrieben wurde, musste es Bürgermeister Ruthemeyer hinnehmen, als „Totengräber“ von Soest bezeichnet zu werden.

 

Am Dienstag, dem Tag, an dem die Wall-Linden von gigantischen Baumfällmaschinen, sogenannten Holzvollerntern (s. Anlage), abgeholzt und noch vor Ort geschreddert wurden, hatte ich dann das Gefühl, das Herz des alten Soests hörte auf zu schlagen. So wie mir ging es vielen. Ein alter Herr sagte mit Tränen in den Augen: „Mir ist wie auf einer Beerdigung.“

 

Zur Erinnerung: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erweiterten feinsinnige Landschaftsgestalter das Ruinendenkmal der mittelalterlichen Soester Wehranlage, noch ganz im Geiste der Romantik, zu einem Gesamtkunstwerk der Bau- und Gartenkunst. Darüber referierte Prof. Dr. Ingo Sommer, gebürtiger Soester, Architekt und Professor für Baugeschichte an der Universität Oldenburg, wiederholt in unserer Stadt, zuletzt am Mittwoch dieser Woche.

 

Das Soester Altstadtensemble, mitsamt seiner historischen Wehranlage, hätte von Politik und Verwaltung längst zur Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe vorgeschlagen werden können. Da hätten wohl einige geschlafen, kritisierte Professor Sommer.

Zum Thema Barriere-Freiheit meinte er, nicht jedes Denkmal könne behindertengerecht gestaltet werden. Der Kölner Dom sei dies auch nicht. In Soest jedoch mussten, so die Entscheidung des Stadtrates, an den Auf- und Abgängen des Brunowalles 14 Linden fallen, um zumindest „Barriere-Armut“ zu erreichen. Weil dies ein Kriterium zur Fördermittelvergabe ist? Die politischen Befürworter nennen diesen Grund nicht, sondern kritisieren Gegner dieser Maßnahme als behindertenfeindlich. Lösungen, die Auf- und Abgänge behindertengerecht zu gestalten, auch ohne einen Baum zu fällen, überzeugten den Stadtrat nicht. Z.B. sei ein Fahrstuhl wartungsbedürftig, also zu teuer

 

Mit der Umsetzung des Wallentwicklungskonzeptes (WEK) habe Soest wohl kaum noch eine Chance, zu der Auszeichnung „UNESCO-Weltkulturerbe“ zu gelangen, so Professor Sommer. Was für ein Verlust!

 

Doch fehlt es unseren Entscheidern tatsächlich an Aufgewecktheit? Setzen diese ihre Präferenzen nicht nur ganz woanders? Geht es Ihnen nicht vor allem um die Ermöglichung von Event- und Massenkultur, um Konsumierbarkeit und wirtschaftlichen Profit - auch an unseren historischen Plätzen mit seinen Zeugnissen, die ja bis heute der Hauptmagnet für Besucher unserer Stadt sind?

Dies würde einiges erklären; denn Sensibilität und Respekt vor unserem historischen Erbe, für unsere Stadtkultur und -natur lassen sich nur schwer mit vorwiegend wirtschaftlichen Zielsetzungen in Einklang bringen.

 

Eine solche Zielsetzung hin zur „Event- und Massenkultur“, bei der auch der Klimaschutz und z.B. das Klimagutachten der Uni Bochum von 2016 kaum Berücksichtigung findet, ist meines Erachtens nicht nachhaltig, rückschrittlich und lebensfeindlich, kurz: nicht der richtige Weg, unsere Stadt und das, was sie so besonders und einmalig macht, zukunfts- und wettbewerbsfähig weiterzuentwickeln. Andere Städte und Gemeinden sind da viel weiter.

 

Auch viele Soester Bürgerinnen und Bürger sind offensichtlich weiter als viele ihrer Vertreter und Beauftragten in Politik und Verwaltung… und bei diesen meistens nicht beliebt, herbeigewünscht oder willkommen. Sie gelten als Gegner, ihr hartnäckiger Protest auch noch nach Ratsentscheidungen wird z.B. von den Soester Grünen als „undemokratisch“ kritisiert. Auch das empfinde ich als unzeitgemäß, befremdlich und ressourcenvernichtend.

 

Als ein Artikel im Soester Anzeiger im August 2017 darüber berichtete, dass die Stadt Soest beabsichtige, zur weiteren Realisierung ihres Wallentwicklungskonzeptes 35 Linden auf den ersten zwei Soester Stadtwällen fällen zu lassen, führte dies zur Gründung der Wall-Linden-Bürgerinitiative. 

Innerhalb kürzester Zeit sammelte diese Initiative ca. 5600 Unterschriften von Bürgern, die forderten: Keine Linde soll fallen auf den Stadtwällen!

 

5600 Bürgerstimmen! Zum Vergleich: Die CDU gewann die letzte Wahl mit etwa 6800 Stimmen, die SPD kam auf ca. 5100. 

 

Zum weiteren Engagement der Initiative zitiere ich aus dem Soester Anzeiger vom 30.11.2017: „An diesem Report dürften Soester Politiker und Verwaltung zu kauen haben. Die Wallinitiative hat pünktlich zum 30. November ihren Bericht im Rathaus abgeliefert. Er fällt ein vernichtendes Urteil: Die Bürgerbeteiligung sei so komplex, kleinteilig und langwierig gewesen, dass sie am Ende nicht funktioniert habe. Das passt zu einem weiteren Detail: Am Ende geht es nicht um 34 Bäume, die gefällt werden sollen, sondern um 398 (!).“

 

In unendlichen Tages- und Nachtschichten, so der Anzeiger, hätten die beiden damaligen Sprecher der Wall-Linden-Initiative, Ursula Müller-Frieding und Michael Berentzen, 100te von Seiten studiert, die es zum Wallkonzept samt Klimabericht damals bereits gab. Michael Berentzen, Zitat: „Manche Stellen habe ich achtmal gelesen, um sie endgültig zu verstehen. Soviel Zeit und Bereitschaft dürfte wohl kaum ein anderer Bürger, aber auch kein Politiker haben.“

 

Dies zu dem Vorwurf, der sich bis heute hält, dass Bürgerinnen und Bürger sich erst relativ spät eingeschaltet und das WEK kritisiert haben. Sie waren – ebenso wie viele Ratsmitglieder - nicht ausreichend und transparent informiert worden. Und dieses Vorgehen war kein einmaliges Versehen, meinen wir.

 

Die Berichterstattung im Soester Anzeiger zeigt sich in Punkto Wall heute oft wenig bürgerfreundlich. Ein Reporter nannte uns kürzlich in seinem Kommentar „Abschied von ehrenwerter Diskussion“  „selbsternannte Baumschützer“ und geißelte die SPD, die sich bald zu uns und unserem Widerstand gesellt hätte und die, Zitat, „jetzt ihr grünes Herz auch für die Mickerbäume entdeckte.“

 

Im Herbst letzten Jahres forderte der von der Politik und Verwaltung installierte Wallbeirat, der ohne eine Vertreterin, einen Vertreter aus Umwelt-, Natur- und Denkmalschutz installiert wurde: „Mehr Mut zum Sägen“.

 

Die Vorschläge der Wall-Linden-Initiative zur personellen Besetzung des Wallbeirates mit einem Klimaexperten, Denkmal- und Naturschützern sowie einem Landschaftsplaner – u.a. mit Professor Ingo Sommer - wurden nicht akzeptiert. Prof. Sommer hätte sich, seinen Aussagen zufolge, unbedingt auch einen Gartenhistoriker, eine Gartenhistorikerin im Beirat gewünscht. Die heutige Besetzung findet er völlig daneben.

 

Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass die nächsten fünf Wallabschnitte behutsamer und wertschätzender saniert werden, anders als es jetzt dem Brunowall widerfährt. Es ist ja keine Frage, dass die Mauern stabilisiert und Pflegemaßnahmen an der „Gesamtkunstanlage“ durchgeführt werden müssen. Aber es ist doch die Frage, wie und zu welchem Zweck dies geschieht.

Vielleicht werden spätere Generationen auf die Idee kommen, die Befestigungs- und Gartenkunstanlage wieder in den historischen Zustand des 19., 20. und 21. Jahrhunderts zurückzuführen, so wie dies mit der Renaturierung des einst kanalisierten Soestbaches heute bereits geschieht, die allseits begrüßt wird. Unser Bürgermeister sieht ausgerechnet in dieser Fehler-Korrektur einen Beleg dafür, dass auch die Wallentwicklung noch auf helle Begeisterung stoßen wird.

 

Ich beende jetzt meine aus Zeitgründen noch immer lückenhaften Erläuterungen. Klaus Schmedtmann hat einen Infotisch aufgestellt und beantwortet gern detaillierter Ihre Fragen.

Wir werden nun unsere Wallpassage beginnen, die Linden betrauern, die zum Teil mindestens zwei Weltkriege überstanden haben.

Es sind auch jüngere Bäume darunter, die auch von Ratsmitgliedern der Soester Grünen, die anders als die SPD und die SO-Partei unsere Initiative nicht unterstützt haben, als „Mickerbäume“ bezeichnet wurden.

Leider hat sich heute der Soester Poet, Künstler und Schriftsteller Hartmut Lux krank gemeldet, so dass Erika Wilhelm und ich seinen Part übernehmen. Wir wünschen ihm gute Besserung und werden ihm und seiner Frau Yvonne berichten. Weiter an unserer Aktion beteiligt sind Arno Haude, Bärbel Dreher und natürlich Sie, liebe Soest-Freundinnen und –Freunde.